Dorian Yates – der große Schatten der 90er

Dorian Yates ist ein Name, der für eine ganz bestimmte Qualität von Willenskraft und Erfolg in unserem Sport steht. Der gebürtige Engländer mit dem feinen Akzent, geboren am 19.04.1962, dominierte das Wettkampfgeschehen in den 90ern wie kaum ein anderer Mr. Olympia vor ihm (höchstens eine gewisse österreichische Eiche und Lee Haney).

Yates kombinierte nicht nur die Attribute „Masse“ und „Härte“ in einer beispiellosen Erscheinung, die man damals und heutzutage liebevoll als „Sonnenverdunkler“ oder als „The Shadow“ bezeichnet(e), sondern trieb auch die strikte Arbeitsmentalität eines Profi-Athleten in ein sehr brutales und dunkles Extrem.
Dorian Yates trainierte die meiste Zeit über in seinem kleinen Studio in Birmingham – „Studio“ ist vielleicht nicht das korrekte Wort, es war viel mehr ein heruntergekommenes Kellerverlies, in dem der Putz mit dem Schweiß der dort hausenden Vollgeschädigten um die Wette rieselte. Keine Fenster, regelmäßige Heizungsausfälle, flackerndes Licht (wenn es denn mal überhaupt funktioniert hat) und Toiletten ohne gescheite Spülung bildeten den atmosphärischen Rahmen für bestialische Workouts, bei deren Anblick man alleine schon das Frühstück wieder ausspucken möchte.
Der Fitnesspark bestand aus einem Ergometer, das vermutlich so oft angerührt wurde wie das Weihwasser vom fleischgewordenen Satan, der im sogenannten „Temple Gym“ übrigens auch offenbar seine Mitgliedschaft unterzeichnete. Leroy Davis, der ehemalige Drill Instructor der britischen Armee, peitschte Dorian in besessener Manier durch den Urwald an tonnenschweren Gewichten, verrosteten Maschinen und anderen netten Foltergeräten. Aufgezeichnet wurden die Workouts Mitte der 90er durch ein kleines Kamerateam, das die beiden Bodybuilder eine Woche begleitete und einen einstündigen Zusammenschnitt unter dem Titel „Blood & Guts“ als offizielles Video des amtierenden Mr. Olympia veröffentlichte. Bis heute ist die Faszination des Videos ungebrochen – es ist eben der Stoff, aus dem Legenden sind, und ein Zeugnis des eisernen Willens, der nötig ist, um 35 kg reines Muskelfleisch auf die Rippen zu packen.

Dorian Yates gewann seinen ersten Mr. Olympia 1992, exakt ein Jahr nach seinem Debut in diesem Wettkampf und 9 Jahre, nachdem er das Bodybuilding-Training aufnahm. Yates präsentierte im Gegensatz zu vielen anderen Bodybuildern dieser Epoche nicht gerade die schönsten Muskeln, aber sicherlich die größten, gepaart mit einer bisher ungeahnten Muskeldefinition. Nach eigenen Aussagen war er zwar genetisch benachteiligt, glich die morphologische Distanz zu seinen Mitstreitern allerdings durch ein radikales High Intensity Training und eiserne Disziplin beim Speiseplan wieder aus (angeblich verpasste Yates in 15 Jahren nicht eine einzige Mahlzeit um mehr als 15 Minuten und trank nicht mehr als ein paar Gläser Bier).

Dorian Yates war für seinen streng methodischen Trainingsansatz bekannt. Bevor er mit 22 Jahren das Training aufnahm (übrigens nach einer kurzen Visite im Knast und einigen Jahren in der englischen Hooligan-Szene), verschlang er zunächst bücherweise nüchterne Fachliteratur und gestaltete sein Training nach den Grundsätzen von Mike Mentzers Heavy Duty. Dieses Training zeichnete sich durch ein extrem niedriges Volumen (1-2 Sätze pro Übung) bei gleichzeitig extrem hoher Intensität (mindestens bis zum Muskelversagen, Anwendung von Intensitätstechniken) aus. Obgleich sich Dorian für ein paar Wochen mit Mike in den USA für einige Workouts traf, betont er bis heute stets, niemals von Mentzer trainiert worden zu sein. Letzterer nutzte offenbar die Gunst der Stunde, um sein Trainingssystem nach seinem eigenen Scheitern über ein Jahrzehnt zuvor mit Dorian Yates Hilfe bekannt zu machen. Zwar wird auch heute nicht unbedingt nach den Grundprinzipien des HITs trainiert, aber Dorians Popularität trug sicherlich zu einer allgemeinen Kürzung des Trainingsvolumens und zur Steigerung der Trainingsintensität bei.

Dorian Yates Training

Trainiert wurde insgesamt nur etwa 3 – 3 ½ Stunden pro Woche, aufgeteilt in 4 Einheiten (Montag, Dienstag, Donnerstag und Samstag) mit jeweils 2-4 Übungen pro Muskelgruppe. Für jede Übung wurde ab 1993 nur noch ein einziger Versagenssatz absolviert und über das Muskelversagen mit Hilfe von bestimmten Intensitätstechniken (erzwungene Wiederholungen, Rest Pause, Teilwiederholungen usw.) hinaus fortgeführt. Die Steigerung der Trainingsgewichte hatte oberste Priorität, selbstverständlich im für Hypertrophie geeigneten Wiederholungsbereich. Schlampige Technik war ein absolutes No-Go! In jeder Übung und in jedem Satz wurde stets der volle Bewegungsradius ausgenutzt, die Zielmuskulatur vollständig getroffen. Sinnfreies Abfälschen und angeregtes Geschwätz gab’s im Temple Gym so selten wie die verdammte Toilettenspülung.

Ernährung

Beim Thema Ernährung verfolgte Dorian Yates ebenfalls einen vergleichsweise minimalistischen Ansatz. Insgesamt wurden pro Tag 3 g Eiweiß pro Kilogramm Körpergewicht vertilgt (bei einem Off-Season-Gewicht von etwa 140 kg über 400 g Protein) und ein sonst ausgeglichenes Verhältnis zwischen Fetten und Kohlenhydraten. In der Wettkampfdiät wurden die Kalorien lediglich über die Kohlenhydrate gekürzt. Das Training blieb auch während den letzten Wochen vor einem Wettkampf hochintensiv, was letztlich zu zahlreichen Verletzungen und Abrissen zum Ende von Dorians Wettkampfkarriere führte.

1997 beendete Yates im Anschluss an seinen letzten Sieg beim Mr. Olympia seine aktive Wettkampfkarriere. Seit einigen Jahren führt er eine Supplement-Linie, die außerhalb der britischen Grenzen allerdings eher unbekannt ist. Darüber hinaus bereitet er einige Amateure auf nationale und internationale Wettkämpfe vor (darunter Zack Khan).
Wer dem „Schatten“ unbedingt mal die Pranken schütteln möchte, hat auf der alljährlichen FiBo vor allem während den Händlertagen gute Gelegenheit dazu.