Kasein – das „Gute Nacht“-Protein

Beobachtet man seit längerem den Supplement-Markt, so dominierten bisher vor allem immer zwei Proteinarten: Das allseits gelobte Whey Protein und die Mehrkomponentenproteine. Während ersteres als erste Mahlzeit des Tages und im Anschluss an das Training herhält, sind Mehrkomponentenproteine die ideale und schmackhafte Ergänzung zur Deckung des täglichen Proteinbedarfs für Hobby-Schlürfer und Sportler. Sie sind in der Regel eine Mischung zwischen dem Molkeneiweiß und einem weiteren Protein: Kasein – ein fremdartig klingendes Eiweiß, das uns Europäer allerdings schon seit vielen Tausend Jahren als Bestandteil unserer alltäglichen Ernährung begleitet.

Dass im Zuge der Entwicklung immer ausgefeilterer Supplemente früher oder später die Ernährungsindustrie auf den Trichter kam, Kasein auch in isolierter und konzentrierter Form herzustellen, war aufgrund der sehr interessanten Eigenschaften dieses Proteins sicherlich absehbar.

Natürliches Vorkommen von Kasein

Kasein ist neben Whey Protein mit 80% der Hauptbestandteil des Proteins der Kuhmilch (allerdings auch in anderen Milchen vorhanden, beispielsweise in der Humanmilch). In Folge dessen ist es selbstverständlich auch in sämtlichen Milchprodukten enthalten, die wir täglich verzehren – insbesondere in den „festeren“ (geronnenen) Produkten wie Quark und Käse ist Kasein reichhaltig vorhanden. Es sei allerdings erwähnt, dass Kasein im eigentlichen Sinne ein Überbegriff für miteinander verwandte Proteine ist, welche die vier Fraktionen des Milchproteins bilden (aS2-Kasein, aS1-Kasein, ß-Kasein und k-Kasein).
Da Kasein in isolierter Form vom Molkenprotein getrennt vorliegt, liegt auch die biologische Wertigkeit des Proteins unterhalb der der Milch. Mit einem Wert von 77 gehört dieses Protein allerdings zweifelsohne immer noch zu den hochwertigen Eiweißen und leistet somit einen wertvollen Beitrag zum Erhalt und Aufbau von Körpergewebe.

Physiologischer Nutzen von Kasein

Im Grunde ist der Titel nicht ganz vollständig, da der besondere Vorteil des Kaseins in erster Linie durch seine „mechanischen“ Eigenschaften im sauren Milieu entsteht. Wie man oft am Beispiel von saurer Milch beobachten kann, kommt es bei einem Abfall des pH-Wertes zu einer Klumpenbildung bzw. zum Ausfallen des Kaseins. Was im Quark noch schön cremig oder im Shake ausgesprochen schmackhaft aussieht, verwandelt sich im Magen zu einem festen Brei, der durch langandauernde Magenkontraktionen durch den unteren Schließmuskel des Magens in den Zwölffingerdarm transportiert wird. Durch die Klumpung bzw. Verfestigung des Speisebreis dauert dieser Vorgang sehr lange. Die vollständige Absorption der im Kasein enthaltenen Aminosäuren dauert etwa 7 ganze Stunden! Was beispielweise für die Eiweißversorgung direkt im Anschluss an das Training oder zum Frühstück vollkommen ungeeignet ist, bietet eine hervorragende Option, über kurze Fastenperioden wie zum Beispiel während der Nachtruhe, die Muskeln über einen langandauernden Zeitraum mit wertvollen Aminosäuren zu beliefern.
Somit wird der Muskelaufbau durch den gehemmten Katabolismus nicht behindert. Durch diesen antikatabolen Effekt und durch das starke Sättigungsgefühl (lange Verweildauer im Magendarmtrakt) wird Kasein auch häufig das „Diät Protein“ genannt – eine gute Hilfe für jeden, der die Durststrecken zwischen den kleinen Mahlzeiten in einer Reduktionsdiät nur schlecht überbrücken kann.
Darüber hinaus liefert Kasein sogenannte bioaktive Peptide, die zahlreiche günstige Eigenschaften auf den Körper haben. Diese Peptide sind kurze Ketten aus Aminosäuren, die der enzymatischen Aufspaltung nicht vollständig zum Opfer gefallen sind. Wie diese Substanzen genau ihre positive Wirkung entfallen, ist noch nicht ganz schlüssig, allerdings konnte bereits mehrfach u.a. ein positiver Einfluss auf den Blutdruck und das Immunsystem demonstriert werden.

Sinn einer Supplementation

Obwohl Kasein auch in höheren Mengen in einigen natürlichen Lebensmitteln wie Käse oder Quark vorkommen, ergibt sich insbesondere aus der bevorzugten Einnahmezeit des Proteins (abends vor dem Schlafen) aufgrund der Kohlenhydrat- und Fettgehalte der Lebensmittel eine Zwickmühle: Um beispielsweise 60g Eiweiß aus Magerquark zuzuführen, müssen zwangsläufig 20g Milchzucker verzehrt werden. Abgesehen davon, dass abends eine Kohlenhydratzufuhr keinen großen Sinn mehr macht und hormonell gesehen sogar als negativ zu bewerten ist (gestörte Wachstumshormonausschüttung durch Insulin), ist bei kohlenhydratarmen Low Carb Diäten diese Menge an Zucker je nach restlichem Ernährungsplan nicht mehr zulässig, um die gewünschten Erfolge zu erzielen.
Insbesondere in kohlenhydrat- und kaloriendefinierten Diäten macht der isolierte Verzehr von Kasein in Form eines Proteinpulvers also durchaus Sinn.