Fazit zum Mr. Olympia 2012

Das war er nun, der größte und wichtigste Wettkampf des Bodybuildings, alljährlich ausgetragen in der Stadt der Sünde. Der Mr. Olympia 2012 galt im Vorfeld durch das Ausscheiden von Jay Cutler und Victor Martinez im Vergleich zu den letzten Jahren als relativ unspektakulär; zu berechenbar schien auf den ersten Blick der Ausgang, zu wenige Underdogs waren als Teilnehmer gemeldet, der amtierende Champion Phil Heath sollte auch dieses Jahr wieder haushoch triumphieren, während sich Kai Greene, Dennis Wolf und Branch Warren um die anderen wichtigen Finalplätze reißen sollten. Aufstrebende Athleten wie Ben Pakulski, Evan Centopani oder Shawn Rhoden sowie ältere Athleten wie Dexter Jackson, Toney Freeman oder Ronny Rockel sollten die Top 10 komplettieren.
Dass am Ende doch alles etwas anders kam, war einerseits ausgesprochen überraschend und sorgte für allgemeinen Zweifel an der Urteilskraft der Judges, andererseits wissen Kenner dieses Wettkampfs, dass beim Mr.O immer mit sowohl negativen als auch positiven Überraschungen zu rechnen ist.

Die Pressekonferenz
Für alle, die mit dem Ablauf des Wettkampfs noch nicht so gut vertraut sind: Anders als zu Arnolds Zeiten, in denen an einem einzigen Wochenende sowohl der Mr. Universum als auch der Mr. Olympia gekürt wurden, wird dem Mr. Olympia heutzutage eine komplette halbe Woche gewidmet. Das erste Highlight der Show ist dabei sicherlich die obligatorische Pressekonferenz – ob diese Veranstaltung tatsächlich in erster Linie der Unterrichtung der“ Presse“ dient oder einfach nur die Stimmung vor dem eigentlichen Wettkampf anheizen soll, sei mal so dahin gestellt. Auffallend war dieses Jahr allerdings das Selbstbewusstsein, das die Top-Athleten an den Tag legten. So war Kai Greene überzeugt, dass er der „last man standing“ sei, während sich Branch und Dennis einen aggressiven Schlagabtausch lieferten und alte Kamellen der diesjährigen Arnold Classics aufwärmten. Ben Pakulski setzte noch einen drauf, unterbrach Branch in seiner Kriegserklärung an Dennis und wies ihn an, den Ball flach zu halten, da er im besagten Contest nicht mal in die Top 3 gehört hätte.

Im Endeffekt stellte sich dann mehr oder weniger heraus, dass die hitzigen Diskussionen in der Pressekonferenz mehr ein Schauspiel für den kommenden Bodybuilding-Film „Generation Iron“ war und in alter Arnold-Manier den Wettkampf mit mehr Drama verzieren sollten.

Das Prejudging
Bevor es zum eigentlichen Wettkampf geht, verschaffen sich die Kampfrichter seit einigen Jahren bereits im Vorfeld einen konkreten Überblick über die Leistungen in der Athleten-Riege durch ein sogenanntes Prejudging. Diese Vorschau dient der groben Einteilung der Güte der Bodybuilder, sodass am Tag des Finales validere Ergebnisse vorliegen. Zum einen ist das Prejudging aus den eben genannten Gründen sicherlich hilfreich, zum anderen bedeutet es aber auch eine zusätzliche physische und psychische Belastung der Athleten, die teilweise nur ein ausgesprochen kurzes Zeitfenster haben, in dem sie ihre Topform präsentieren können, bevor sie im schlimmsten Fall mit Wasser zulaufen oder Muskelvolumen verlieren (das Prejudging fließt natürlich in die Endbewertung mit ein).
Die Athleten werden zuerst der Nummerierung nach einzeln auf die Bühne gerufen, um die geforderten Pflichtposen einzunehmen.

Bereits hier fiel auf, dass Branch Warren, der sich vor knapp über einem Jahr den rechten Quadrizeps abriss, unter einer auffallenden Atrophie bzw. Asymmetrie der Oberschenkel litt. Der Texaner, der bisher weniger durch schöne Linien und tiefe Einschnitte in den Muskelseparationen als durch seine fantastische Härte punktete, schien bereits auf den ersten Blick weicher zu sein als in den Jahren zuvor.
Das nächste Highlight – Bodybuilding-Veteran Toney Freeman – überzeugte durch seine alte Form und klassische Linien, allerdings sind die Spuren jahrzehntelangen Trainings auch an Freeman hängen geblieben. Schon letztes Jahr zeichnete sich der nun in den Frontposen relativ dominant ins Auge stechende Brustmuskelabriss ab, den Toney für die kommenden Wettkämpfe unbedingt beobachten muss.

Die besten Beine – sowohl im Prejudging als auch im Finale – zeigte Ben Pakulski. Der Schwede, der bereits auf der Arnold Classics 2012 positiv auffiel, demonstrierte auch dieses Wochenende eine gute Form, massive Oberschenkel und eine fantastische Wadenentwicklung. Eine relativ flache Brust und mangelnde Rückendichte trübten allerdings etwas das Gesamtbild.

Johnny Jackson sorgte wie immer mit dem wahrscheinlich dichtesten und kompaktesten Rücken im gesamten Teilnehmerfeld für offene Münder. Der riesige Nacken sowie die massive und volle Brust des Texaners konnten allerdings nicht über die offensichtlichen Schwächen im Unterkörper hinwegtäuschen. Der Sieger der diesjährigen FiBo Power wies eine leichte Asymmetrie in den schmalen Waden auf und benötigt noch etwas mehr Masse in den Oberschenkeln.

Evan Centopani, der dieses Jahr auf der Arnold Classics direkt hinter Dennis Wolf auf Platz 3 landete, startete dieses Wochenende zum ersten Mal beim Mr. Olympia. Evan konnte auch hier wieder durch eine sehr schöne Armentwicklung überzeugen, allerdings fiel auch hier wieder der Rücken insbesondere bei der Breite etwas ab.

Ein weiterer Athlet, der mit Argusaugen beobachtet und erwartet wurde, war Lionel Beyeke. Der Franzose gilt mit einer ausgewogenen und vollständigen Körperentwicklung sowie durch seine vollen Muskelbäuche und schöne Linie als der neue Wunderknabe im Teilnehmerfeld. Das einzige Manko, das Beyeke bisher noch nicht los geworden ist, ist die mangelnde Konditionierung – insgesamt waren die Separationen der Muskelgruppen in Ordnung, im Vergleich zu den anderen Teilnehmern allerdings zu schwach.

Dexter Jackson, seines Zeichens ehemaliger Mr. Olympia, ist mit Toney Freeman einer der ältesten Athleten im Teilnehmerfeld. Obwohl sich bei seinen letzten Wettkämpfen das Alter durch die schlechtere Form allmählich bemerkbar machte, traf Dexter pünktlich zum Wettkampf wieder den Nagel auf den Kopf und konnte mühelos an seine alte Konditionierung anknüpfen.

Ronny Rockel, der sich im letzten Jahr zwecks Pause vom Wettkampfgeschehen fern hielt, zeigte im Prejudging eine solide Form, allerdings fiel vor allem in der Rückansicht seine weiche Optik auf (insbesondere Gluteus und Beinbeuger). Zwar besitzt Ronny einen ausgesprochen ausgewogenen Körper und ein harmonisches Gesamtbild, allerdings fehlt es ihm bis heute an einer individuellen Stärke, über die jeder Athlet in den Top 6 verfügt.

Eines der großen Highlights des Abends war ganz klar Shawn Rhoden. Shawn wer? Genau, Shawn Rhoden. Ein bisher relativ unbekannter Athlet, der allerdings schon seit über 20 Jahren am Eisen ist und allmählich auf die 40 Jahre zusteuert. Rhoden überzeugte durch die wahrscheinliche beste Linie im ganze Line Up: eine unschlagbar schmale Taille, breite Schultern und ausladende, massive Oberschenkel sorgten für eine spektakuläre Optik, die zu recht an den legendären Flex Wheeler erinnerte. Lediglich im Rücken mangelte es leicht an Details, die Front hingegen war insbesondere durch messerscharf definierte Bauchmuskeln vermutlich die beste im gesamten Teilnehmerfeld.

Dennis Wolf, der mit Abstand größte Athlet auf der Bühne, ging mit hohen Erwartungen in den Wettkampf. Wolf, der immer insbesondere strukturell durch das wahrscheinlich beste Schulter-Taille-Verhältnis und durch schön geschwungene Oberschenkel punktet, präsentierte sich hier in seiner bisherigen Bestform. Vor allem die Verbesserungen in der Rückansicht im Beinbeuger machten sich auf den ersten Blick bemerkbar. Auffallend waren jedoch seine atrophierte linke Wade und der leichte Mangel an Muskelvolumen.

Kai Greene galt bisher im Vorfeld als der wichtigste Konkurrent zum amtieren Mr. Olympia Phil Heath. Kai, der letztes Jahr seine Form bei weitem verfehlt und stark abgestraft wurde, trat dieses Jahr leichter an und konnte an seine bisherige Bestform nahezu komplett anschließen. Massive Streifen im Oberschenkel und im Rücken sowie das sonst sehr massive Erscheinungsbild sind die würdigen Markenzeichens des gebürtigen New Yorkers.

Phil Heath war der wichtigste Athlet des Abends. Der Mr. Olympia, der das Schlusslicht der Athletenschau bildete, konnte an seine Bestform anknüpfen, eine echte Verbesserung sowohl in Masse als auch in Definition war allerdings nicht zu sehen. Phil Heath überzeugte ohne jeden Zweifel auch dieses Jahr wieder durch pralle, volle und runde Muskelbäuche, gepaart mit fantastischen Details im Rückenbereich. Seine einzige Schwäche: durch die schmalen Schlüsselbeine wirkt insbesondere in der Most Muscular-Pose sein Oberkörper schnell gequetscht.

In den folgenden Callouts wurden anschließend die Athleten zuerst der Nummerierung nach in kleinen Gruppen miteinander verglichen, um dann je nach Leistungsstand in weiteren Callouts um die Gunst der Kampfrichter zu kämpften.
Der wahrscheinlich größte Schock war der erste Vergleich, der Dennis Wolf verwehrt wurde – stattdessen wurde überraschenderweise Branch Warren mit Shawn Rhoden, Kai Greene, Phil Heath und Dexter Jackson verglichen. Da in der Regel der erste Callout bereits ein sehr konkreter Vorgeschmack auf die finalen Platzierungen ist, dürften an dieser Stelle bereits die ersten deutschen Live-Stream-Beobachter die Lichter ausgemacht haben.

Eine positive Überraschung waren sicherlich die Vergleiche mit Shawn Rhoden und Dexter Jackson, die beide im ersten Callout offensichtlich Branch Warren dominierten und die Karten komplett neu mischten.
Auffallend war, dass Phils Dominanz bei weitem nicht so stark ausfiel wie erwartet – Kai Greene schien bereits hier ein ausgesprochen harter Gegner zu sein. Später gab Heath sogar zu, dass er nach dem Prejudging tatsächlich Zweifel hatte, dass er den Titel verteidigen könnte.

Das Finale
Nach dem Prejudging verlief der eigentliche Wettkampf relativ unspektakulär. Dennis Wolf, der bereits mit einer ungewohnt schlechten Platzierung um Platz 7 herum rechnete, nutzte die Zeit, um seinem Körper nochmal den nötigen Feinschliff zu verpassen. Insgesamt trat Dennis am Samstag mit der gleichen Form, aber mit mehr Volumen und Fülle an. Vermutlich hat dieser Schritt ihn davor letztlich bewahrt, weiter als nötig nach hinten durchgereicht zu werden.
Spannend wurde es nochmal gegen Ende, als Kai Greene und Phil Heath mehrfach zu einem direkten Vergleich aufgerufen wurden. Insbesondere am zweiten Wettkampftag lag in Augen einiger Beobachter Kai sogar in Führung – wie so oft entscheidet im Bodybuilding bei einem solchen Konkurrenzkampf letzten Endes der persönliche Geschmack und u.U. ein gewisser Bonus, den Phil Heath als amtierender Champion mit sich brachte.
Ein kleines Spektakel boten noch die Top 10-Athleten, die in alter Manier die Bühne zum Posedown verließen und ihre Darbietung zwischen den Zuschauerreihen zum Abschluss brachten. Anschließend wurden folgende Ergebnisse verkündet:

1. Phil Heath
2. Kai Greene
3. Shawn Rhoden
4. Dexter Jackson
5. Branch Warren
6. Dennis Wolf
7. Toney Freeman
8. Evan Centopani
9. Johnny Jackson
10. Lionel Beyeke

Der Ausgang des Wettkampfs wurde in den Fach- und Szenekreisen weitgehend mit Zustimmung akzeptiert, lediglich die Platzierungen von Dennis Wolf sowie Ben Pakulski, der es überraschenderweise nicht mal in die Top 10 schaffte, erzeugen einen bitteren Nachgeschmack und ein gewisses Misstrauen gegenüber der Urteilskraft der Kampfrichter. Insbesondere Branch Warren, und dies ist jetzt nur die persönliche Meinung des Autors und vieler anderer Größen in der Branche, hätte bei dem starken Teilnehmerfeld außerhalb der Top 10 landen müssen. Branch bringt natürlich ein gewisses Charisma mit auf die Bühne, repräsentiert das Ideal des all-american-bulldozers und ist stets einer der härtesten Athleten auf der Bühne, zahlreiche Muskelabrisse, die geringe Körpergröße sowie massive strukturelle Schwächen und eine schwache Muskelentwicklung im gesamten Oberkörper sollten in einem Sport, in dem es darum geht, den schönsten Körper bzw. den bestgebauten Mann der Welt zu küren, allerdings dann doch den Ausschlag geben.

Nichtsdestotrotz gratulieren wir allen Athleten zur Teilnahme und hoffen künftig auf mehr solch spannender Zweikämpfe, die in den letzten Jahren an der Bodybuilding-Spitze doch relativ selten geworden sind.