Ist zu viel Eiweiß schädlich?

Eiweiß spaltet bis heute nicht nur das Lager des gesundheitsbewussten Menschen, sondern sogar die Fachgesellschaften, die sich mit dem auseinandersetzen, was wir uns so tagtäglich zwischen die Kiemen schieben.

Auffallend ist, dass Ernährung selbst für viele – häufig selbst ernannten – Experten nach wie vor eine sehr komplizierte Angelegenheit sein muss. Erschreckend oft werden Erkenntnisse aus der nüchternen Wissenschaft missverstanden und teilweise gar mutwillig fehlinterpretiert, um Angst zu schüren, Panik zu verbreiten und am Ende Unmengen an Kohle zu verdienen.

Einer der bekannteren Mythen, die sich nach wie vor hartnäckig halten, ist der, dass zu viel Eiweiß schädlich für die Gesundheit sei. Insbesondere Nieren und Leber seien die leidtragenden Organe, die durch zu viel Protein ihren Dienst vorzeitig quittieren und den unglücklichen Besitzer auf direkten Weg ins Dialyse-Zentrum befördern. Und alles nur wegen Fleisch, Proteinpulver und ein paar Eiern? Zeit, hier mal ein wenig Klarheit zu schaffen.

Der Proteinstoffwechsel – eine Miniübersicht

Eiweiß wird bei einem Überschuss wie jeder Makronährstoff und Alkohol für die Energieverwertung herangezogen, auch wenn dieser Prozess aufgrund mangelnder Effizienz eine geringere Ausbeute abwirft als beispielsweise die Verwertung von Kohlenhydraten oder Fetten. Eiweiß sollte daher prinzipiell auch bei einer Diät immer in die Kalorienbilanz mit einkalkuliert werden. Merke: Alles, was Kalorien enthält und durch körpereigene Enzyme spaltbar ist, führt bei einem Überangebot und einer hyperkalorischen Ernährung zu einer Gewichtszunahme.

Stehen zu viele Aminosäuren aus dem Nahrungseiweiß zur Verfügung, werden bei einer hypo- oder isokalorischen Ernährung (also wenn zu wenige Kalorien zugeführt werden, um das Körpergewicht zu halten, oder gerade so viele, um es zu halten) die Kohlenstoffskelette der Aminosäuren verwendet, um daraus Glucose oder Fettsäuren herzustellen oder um den Körper direkt mit Energie zu versorgen.

Bei Um- oder Abbau der Aminosäuren entsteht Ammoniak, der über Umwege auf Harnstoff übertragen wird. Dieser wird am Ende einer langen Kette an Umbauschritten über den Urin ausgeschieden.

Mehr Arbeit für Leber und Niere

Die kurz angerissenen Stoffwechsel- und Ausscheidungsprozesse finden in der Leber und in der Niere statt. Logo, je mehr Protein über die Ernährung zugeführt wird, desto mehr müssen Leber und Niere arbeiten, um die überflüssigen Aminosäuren abzubauen und die Reste auszuscheiden.

Bedeutet dies automatisch, dass man mit einer Erkrankung der Organe rechnen muss? Nein! Bis heute ist kein einziger dokumentierter Fall bekannt, bei dem es zu einer Beeinträchtigung der Gesundheit von Nieren und/oder Leber durch einen zu hohen Proteinkonsum gekommen ist. Personen mit Vorerkrankungen von Leber und Nieren hingegen sollten gewarnt sein und vor Beginn einer proteinreichen Diät unbedingt ärztlichen Rat aufsuchen.

Um die Nieren bei der Ausscheidung von harnpflichtigen Substanzen (und damit auch Harnstoff) zu unterstützen, sollte ausreichend Wasser zugeführt werden. Während ca. 2 l Flüssigkeit pro Tag für den normalen Menschen empfohlen werden, sollten sportlich aktive Menschen die Flüssigkeitszufuhr auf mind. 3 bis 4 l erhöhen.
Wie viel Wasser bei einer proteinreichen Diät förderlich sind, lässt sich relativ leicht über die Urinfärbung feststellen. Je intensiver die Gelbfärbung des Urins, desto mehr Wasser sollte man zuführen. Wer mehrmals am Tag klaren Urin hat, sollte ausreichend mit Flüssigkeit versorgt sein, um die Nieren optimal bei ihrer Arbeit zu unterstützen.

Die Sache mit dem Fleisch…

Neben den üblichen Unterstellungen, eine zu hohe Proteinaufnahme fördere Leber- und Nierenerkrankungen, findet man häufig die Warnung vor einem erhöhten Gicht-Risiko. Hier werden sehr häufig Harnstoff- und Harnsäure miteinander verwechselt. Während Harnstoff, also das Abbauprodukt überschüssigen Proteins, keinen schädlichen Einfluss auf unsere Gelenke hat, sind erhöhte Harnsäurespiegel ein Faktor bei der Ausbildung der Gicht. Harnsäure entsteht beim Abbau sogenannter Purine – das sind Basen, die u.a. in DNA und RNA enthalten sind. Lebensmittel, die reich an Zellen sind, sind reich an Purinen. Fleisch gehört zu den großen „Purin-Lieferanten“ und sorgt bei hohen Verzehrmengen für erhöhte Harnsäurespiegel im Blut.
Da Fleisch relativ proteinreich ist und Harnsäure nun mal dummerweise so ähnlich klingt wie Harnstoff, ist nach wie vor der Irrglaube weit verbreitet, dass Protein ein Risikofaktor bei der Ausbildung der Gicht ist.

Ironischerweise wird in der Wissenschaft aktuell diskutiert, ob eine proteinreiche Ernährung nicht sogar den Plasmaharnsäurespiegel senkt. Die empfohlene Proteinmenge bei Personen, die bereits unter Gicht leiden, ist daher mit 15-20% der Gesamtkalorienaufnahme relativ hoch.

Fazit

Inzwischen dürfte die praktische Erfahrung gezeigt haben, dass eine proteinreiche Ernährung oder Protein-Supplemente keinen schädlichen Einfluss auf die Nieren- und Lebergesundheit hat. Unterstützt wird dies durch Studien, die bis heute keine Risiken beim gesunden Menschen nachweisen konnten (selbst bei hohen Proteinmengen jenseits der 300 g pro Tag).

Jedoch sollte darauf geachtet werden, den Fleischverzehr nicht unnötig zu übertreiben. Inzwischen sollte sich herum gesprochen haben, dass es unnötig ist, kiloweise Fleisch zu essen, um dickere Muskeln aufzubauen. Die obligatorische Portion Fleisch lässt sich hervorragend durch einen zusätzlichen Shake, 2 Kugeln Mozzarella-Käse oder durch die Aufnahme einer zusätzlichen Mahlzeit aus anderen hochwertigen Proteinquellen ersetzen.